China wird zu teuer

Für viele in China bedeutet die ins Schwanken geratene Wirtschaft Arbeitslosigkeit Arbeitslosigkeit? (Bild: flickr / Jonathan Kos-Read)

Die ganze Billigindustrie, die Textilfabriken, alles mit Plastik:  Das war früher einmal China. Heute sucht man nach neuen Standorten auf der ganzen Welt und „Made in Africa“ ist die neue Devise.

 

Heute mal was aus der globalen Volkswirtschaftslehre. Vietnam, China oder Bangladesch waren lange Zeit die Lieblingsgroßfabriken des Westens. Doch auch hier steigen die Lebensstandards und vor allem auch die Löhne. Gut für die Menschen vor Ort, denkt man. Doch die verlieren jetzt wieder ihren Job, denn die Industrie wandert ab. China ist zu teuer geworden.

 

Was die Weltwirtschaft bewegt

 

Chinesen werden arbeitslos

China ist ein ganz verrücktes, geschäftiges Land. (Bild: habe ich gemacht, als ich in Peking war)

 

Ok, ich bin nicht der Erste der über dieses Thema schreibt. Aber ich finde es einfach spannend und auch wenn es nur indirekt mit digitaler Wirtschaft zu tun hat, finde ich passt es ganz gut in dieses Magazin. Deswegen habe ich jetzt mal auf die Schnelle den Reiter „Globalisierung“ aufgemacht und das ist der erste Artikel zu dem Thema.

 

Wankende Großmacht China

 

Ich war letztes Jahr eine Zeit lang in China. Und viel zu viele Klischees haben sich einfach nur erfüllt. Aber eines hat mich dann doch überrascht.. Die Chinesen sind ganzschön westlich. Nicht in ihrer Art und dem Verhalten. Aber in ihren Handlungen. Der amerikanische Traum, er lebt. Aber eben in China, so scheint es.

Chinesen sind immer fleißig, immer pünktlich, um 9 Uhr gehen alle zeitig schlafen und die Stadt ist nachts irgendwie .. menschenleer. Am nächsten Tag kommt dann alles mit geballter Dröhnung. Tausende Menschen überall. Und jeder will die ganz große Karriere machen und rennt durch die Gegend. Ein ganzschönes Gewusel. Und dann sind die auch noch alle so klein – da bin ich mit 1,90 schon krass aus der Masse gestochen.

 

Dieser Drang nach oben zu kommen hat viele Chinesen dazu verleitet an der Börse zu zocken. Es wurden Aktienkredite aufgenommen und auch wenn es schon etwas länger her ist, dass diese große schöne Blase platzte, es hat viele Probleme verursacht. Und die belasten auch die deutschen Autobauer beispielweise, denn diese liefern 30% ihres Bestandes an die Chinesen, die jetzt nicht mehr kaufen wollen. Oder können, wenn man es etwas ehrlicher betrachtet. Und da dran hängen in letzter Folge natürlich auch die Zulieferbetriebe.

Aber so dreist es doch erscheint, das ist nur das nebensächliche Problem der Chinesischen Wirtschaft. Ein zweiteres ist viel komplizierter, drastischer für die Menschen dort, nachhaltiger und schwieriger zu lösen:

 

Die großen Firmen wollen nicht mehr in China produzieren lassen. Und das, weil der Lebensstandard dort gestiegen ist. Dummerweise die Löhne ebenfalls. Logisch. Also überlegen sich die Firmen Alternativen und wandern ab. Nach Afrika zum Beispiel.

Ich habe im Internet eine wirklich gut recherchierte Dokumentation zu dem Thema gefunden:

 

 

Produktion für den US-Markt und Europa jetzt „Made in Africa“

 

Wirtschaftlicher Boom in Äthipien

Äthiopiens Hauptstadt Addis Ababa ist das pulsierende Zentrum von Wirtschaft und Handel. (Bild: DFID – UK Department for International Development)

 

Die Unternehmen wandern ab. Auch die chinesischen. Die produzieren jetzt nämlich in Afrika. Klar, die Löhne dort sind noch wie in China vor 20 Jahren. Und das ist attraktiv für die Großindustrie, die vor allem billig produzieren will.

 

Im Film sieht man einen Unternehmer, der seine chinesischen Mitarbeiter systematisch entlässt. Wohlgemerkt auch ein Chinese. Aber im Endeffekt zählt dann auch nur der Profit.

Die Fabrik, die er gerade in Äthiopien hochzieht, sieht exakt genauso aus wie die Zentrale in China. Dieselben Maschinen, dieselben Aufseher die aus China extra mitgebracht werden. An der Wand prangt ein Schild mit der Aufschrift „Verantwortung durch Pünktlichkeit“. Oder „Leistung durch Konzentration“. Alles soll genau so sein wie in China. Sogar auf Chinesisch exerzieren müssen die Angestellten.

Man erklärt das folgendermaßen: „Uns ist das wichtig. Für unsere Firma gehören diese Leitsätze zur Kultur. Wir hoffen, dass etwas davon hängen bleibt, wenn die Arbeiter die Schilder anschauen“ Die Chinesen nennen das Entwicklungshilfe. Mitgebracht haben sie ja nur 120 Landsleute, die als Aufseher aufpassen. Gleichzeitig hätte man aber 3.500 Arbeitsplätze geschaffen.

 

45 Dollar im Monat

 

Afrikanische Arbeiter kosten fast keine Lohnkosten, deswegen wird jetzt outgesourct nach Äthiopien.

Arbeiterin in einer afrikanischen Fabrik färbt Federn. (Bild: flickr /
South African Tourism)

 

Das Handwerk des Schumachers hat in Äthiopien Tradition. Viele haben den Beruf gelernt. Einen Job haben die meisten aber nicht. Die Arbeitslosenrate liegt bei konstant mindestens 40 Prozent.
Die Arbeiter wohnen in der Nähe der Fabriken. Einfach. Was sonst bei dem Gehalt, was sie gezahlt bekommen. Man wohnt hier auf fünf Quadratmeter. Manche sogar ohne Fenster. Eine Arbeiterin erzählt: „Wenn ich Überstunden mache, verdiene ich etwa 45 Dollar im Monat, wenn ich keine mache 30“.
Dafür arbeitet man dann 10 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche.

45 Dollar sind aber eigentlich selbst für Äthiopien zu wenig zum Leben. 15 Dollar zahlt die zitierte Frau für die Miete, logischerweise bleibt daraus resultierend ein Dollar am Tag. Also wenn sie Überstunden macht. Bin ich der einzige, den das schockiert?

 

Wie lebt man bitte mit 1 Dollar am Tag?!

 

Ich meine, als ich auf Reisen war, musste ich oft mit 10 € am Tag klarkommen. Auch nicht gerade viel. Aber damit kommt man echt noch gut aus. Gerade in so Ländern wie Vietnam, Kambodscha oder Thailand ist das unkompliziert. Aber auch auf dem Rest der Welt geht das irgendwie wenn man Couchsurfing macht, trampt, Videos schneidet im Tausch gegen Busfahrten, sich auf die anderen Backpacker im Schlafsaal freut, offen für anderes Essen ist, Neues ausprobiert, flexibel was Sitten anderer Kulturen angeht und grundsätzlich abenteuerlich veranlagt ist. Hat sogar Spaß gemacht diese Herausforderung.

Aber mit einem Dollar am Tag wäre ich vermutlich noch nicht mal satt. Geschweige denn meine Familie. Wie soll sich denn da jemand etwas aufbauen können?

 

Auf der anderen Seite weiß ich natürlich nicht was eine warme Mahlzeit in Äthiopien kostet und wie die Lebenshaltungskosten sonst so sind. 10€ in Europa sind ein Witz. Aber ich habe gelernt, dass man beispielsweise in Südostasien mit diesem Betrag sehr weit kommen kann. Die Rahmenbedingungen sind mitentscheidend. Der eine Dollar ist eben so viel Wert, wie ihm von der Bevölkerung vor Ort zugewiesen wird. Und weiterhin stellt sich die Frage, hätten die Leute dort überhaupt eine Alternative, wenn es diese Arbeit nicht gäbe? An und für sich finde ich Selbsthilfe in Form von Arbeit in der Wirtschaft tendenziell besser als vergiftete Geschenke aus Europa, die die Existenzgrundlage der Menschen dort zerstören. Aber hin oder her, was man hier sieht ist Kolonialismus. Und Ausbeutung. Nicht sehr edel. Aber das sind auch nur ein paar Gedanken meinerseits. Wie denkst du darüber?

 

Löhne in China zu hoch

 

 

Diese wunderschöne Grafik habe ich bei der Weltbank auf Google gefunden. Sie holt mir ganz nah warum die Firmen abwandern. Ja, also so an und für sich macht das Sinn. Rein ökonomisch betrachtet. Ich denke das muss nicht weiter kommentiert werden.

 

Die Chinesische Schuhfabrik mit „Made in Africa“

 

Wenn ich mir ein Paar coole Sneakers im Outlet besorge, bezahle ich immer noch doppelt so viel wie die Frauen und Männer in Äthiopien als Monatsgehalt bezahlt bekommen. Und lustigerweise verdienen die Leute in der beschriebenen Schuhfabrik sogar noch mehr als der durchschnittliche äthiopische Mindestlohn beträgt. Und genau deshalb steht die Schuhfabrik jetzt auch hier. Wie man in der Grafik oben sehr schön sieht: die Löhne in China sind mittlerweile einfach zu hoch. Und in Äthiopien sind die Menschen anspruchslos an Gehalt und Arbeitsbedingungen.

 

Immerhin, sagen die Chinesen, gibt es zwei kostenlose Mahlzeiten am Tag. Äthiopien ist nach wie vor das viertgrößte Hungerland der Welt. Deswegen müssen die Mitarbeiter unter anderem Strafe zahlen, wenn sie nicht ordentlich aufessen. Das kostet sie einen ganzen Tageslohn.

Zu Essen gibt es äthiopisches Brot, Linsen und Zwiebeln. Jeden Tag das Gleiche.
Die chinesischen Mitarbeiter essen in ihrer eigenen Kantine. Sie lieben das äthiopische Fleisch. Ansonsten schmeckt ihnen das äthiopische Essen aber nicht, so der Chef.

 

Der moderne Kolonialismus von heute

 

China expandiert ins Ausland.

Chinesische Kolonialherren in Übersee. (Bild flickr / Jonathan Kos-Read)

 

Aber auch die meisten Chinesischen Mitarbeiter sind ganz einfache Arbeiter. Außer in der Kantine, schwelgen auch sie nicht wirklich im Luxus. Die meisten wohnen in der Fabrik und teilen sich mit anderen ein winziges Zimmer. Das nehmen sie in Kauf, weil ihr Lohn hier fast doppelt so hoch wie in der Heimat ist und ihre Autorität ebenfalls. Sie haben einen Lehrauftrag. YiPing Song, der Direktor von Huajin Shoe City Äthiopien erklärt das folgendermaßen: „Wir wollen unseren äthiopischen Arbeitern ein besseres Leben ermöglichen. Wir wollen ihnen auch beibringen, wie man hygienisch und gesund leben kann. Wir haben hier Duschen für sie. Wir sagen ihnen, dass sie ihre Zähne bürsten und ihre Hände oft waschen sollen. Wir respektieren ihre Ansichten. Das ist für uns Demokratie“.

 

Hier haben wir die neueste Form der Kolonisierung. Die Motive sind die selben wie früher. Profit skalieren und die Ansicht man müsste einer anderen Kultur erklären wie die Welt funktioniert. Der äthiopische Regierung, beziehungsweise dem autoritären Regime, ist das jedoch ziemlich egal. Sie sind dankbar für Fabriken wie Huajian und bedanken sich mit immensen Steuergeschenken.

Aber die Chinesen beschwichtigen: Äthiopiens Wirtschaft wachse rasant und die Menschen bräuchten jetzt erst einmal Arbeit. Rechte und faire Arbeitsbedingungen wären ein schleichender Prozess. Das sei ja in China nicht anders gewesen.

 

Der letzte weiße Fleck auf der Karte

 

'Digital Migration' by Lawrence 'Shabu' Mwangi, Kenya

 

Afrika ist der letzte weiße Fleck in der globalen Textilindustrie. Ein ganzer fast noch unangetasteter Kontinent mit billigen Arbeitskräften zu Hauf. Im Textilsektor in Äthiopien gibt es noch gar keinen Mindestlohn. Das sieht anderswo auf der Welt ganz anders aus. In Bangladesch zum Beispiel. Früher mal El Dorado der Textilfertigung, werden hier im Monat mindestens 67 Dollar gezahlt.

Textilarbeiter in Äthiopien verdienten im vergangenen Jahr ab 21 Dollar im Monat, so die äthiopische Regierung. Fucking 21 Dollar!
Kostenminimierend für die Unternehmen ist außerdem das Freihandelsabkommen mit den USA, das den Einzelhändlern viel Geld spart. Und im Gegensatz zu Vietnam und Kambodscha können viele afrikanische Länder ihre eigene Baumwolle anbauen. Produktionszeit und Transportkosten lassen sich reduzieren.

 

Auch ganz große Marken gehen nach Afrika

 

Clothing factory

 

Und wer jetzt denkt hier produziert nur à la Kik und Primark, der hat sich geschnitten. „Made in Africa“ machen jetzt auch die ganz großen. Rennomierte Textilunternehmen haben sich schon längst nach Alternativen zu Asien umgeschaut.

Mehrere Bekleidungsgiganten sind bereits im Geschäft mit Afrika. VF will einige Hosen des Unternehmens in Äthiopien nähen lassen. Zur Erklärung (ich wusste es auch nicht) VF hat Markenrechte an unter anderem Eastpak, Lee Jeans, Napapijri, The North Face, Timberland, Vans. Also die meisten Marken, die die vertreten kenne ich nicht. Aber es sind verdammt viele. Und die die ich kenne (steh ich ehrlich gesagt total drauf), habe ich aufgezählt.

Calvin Klein und PVH (Muttergesellschaft von Tommy Hilfiger) lassen bereits seit 5 Jahren einige ihrer Bekleidungsstücke in Kenia schneidern lassen. Wal-Mart Stores, J.C. Penney und Levi Strauss & Co. kaufen in ebenfalls in Ländern südlich der Sahara ein.

 

Was das jetzt für dich bedeutet und was das für China bedeutet

 

Für viele in China bedeutet die ins Schwanken geratene Wirtschaft Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit im Land das niemals ruht? (Bild: flickr / Jonathan Kos-Read)

 

Was sich für uns ändert? Gar nichts. Wir können weiterhin bequem shoppen gehen. Ne coole Jogginghose von H&M für 9€ wird es auch morgen geben und einfach mal spontan Schuhe kaufen im Primark für 12 € wird auch noch möglich sein. Die Sklaven sehen jetzt einfach nur anders aus. Aber wir sehen die ja sowieso nicht.

 

Für China bedeutet dieser Trend jetzt kurzfristig Arbeitslosigkeit. Viel strukturelle Arbeitslosigkeit. Gar nicht gut.

Aber ein Volk, in dem ich die Menschen so fleißig und krankhaft ehrgeizig erlebt habe, das kriegt die Kurve. Langfristig gesehen. China wird wirtschaftlich betrachtet erwachsen. Am Anfang heißt das für uns tolle Absatzmärkte. Später dann .. Der Markt passt sich an.

 

 

Chinas Wirtschaft wächst nicht mehr wie früher.

Was wird aus diesem Land? Wie geht es weiter? (Bild: flickr / Jonathan Kos-Read)

 

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Was denkst du über Globalisierung, Outsourcing und die internationale Textilwirtschaft? Würde mich mal echt interessieren!

Bis dahin alles Gute,

Dein Luis

 

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