Der Coronafaktor – oder: Wie ein Virus uns endlich an die Digitalisierung heranführen könnte

Es klingt nach einem Widerspruch, doch ausgerechnet ein Virus schafft es, dass wir uns mehr mit unserem Computer auseinandersetzen. Das Coronavirus füllt die Schlagzeilen. Ausgehend vom chinesischen Festland hat ein Krankheitserreger die Märkte weltweit im Griff. Unternehmen schließen ihre Pforten, Mitarbeiter bleiben zu Hause, Lieferketten werden unterbrochen. Das soziale Leben liegt brach. Das alles trifft die Wirtschaft schon jetzt absehbar hart. Doch zumindest der freie Fall wäre vermeidbar. Das Zauberwort: Digitalisierung

Remote gewünscht – aber die Infrastruktur fehlt

Das Thema Digitalisierung schwebt schon lange in unserem Wortschatz herum. Und viele Firmen dürften sich inzwischen der Aktualität und der Unumgehbarkeit des Themas bewusst sein. Deshalb dürfte auch in so gut wie jedem Unternehmen – von der kleinen Handwerksstube bis hin zum Großunternehmen – das ein oder andere technische Gerät stehen. Doch um die wirkliche Digitalisierung, also das Überarbeiten der aktuellen Prozesse hin zu einer effizienten Einbindung von digitalen Geräten, steht es immer noch schlecht. Eine Sache, die viele Manager nun im Angesicht der Ausfälle durch den Coronavirus wieder aus der Schublade holen, ist das ortsunabhängige Arbeiten. Wie schön wäre es, wenn die Mitarbeiter zu Hause bleiben und die Ansteckungsgefahr minimieren, aber trotzdem ihre Arbeit erledigen können!

Die Technologien dafür sind längst da. An der Implementierung allerdings scheitert es immer noch in Deutschland. Laut der aktuellen Ausgabe des Digitalisierungsberichts des Initiative D21 e. V. nutzten vor der Krise gerade einmal 15% die Möglichkeit, mobil zu arbeiten. Von den verbleibenden Befragten, die nicht Remote arbeiten, haben nur 15% auch kein Interesse daran. Der Rest würde ja gerne. Das größte Problem ist laut der Studie, dass die Unternehmen schlichtweg die Infrastruktur dafür nicht stellen oder stellen wollen. 

Das Land der Mitte als großer Vorreiter?

Wenn in den Nachrichten über den Coronavirus gesprochen wird, kommt schnell auch der Vergleich zum SARS-Virus aus den Jahren 2002 und 2003. Neben demselben biologischen Ursprung hat auch SARS die Weltwirtschaft damals empfindlich getroffen. Und auch im Punkt der Digitalisierung lohnt sich ein Vergleich. Gerade die chinesische Fertigungsindustrie, die noch viel auf Produktionswege mit Mensch-zu-Mensch-Interaktion setzt, hat mit massiven Einschnitten zu kämpfen. Doch während sich in China die Innenstädte schlagartig leerten, weil viele große Geschäfte schlossen – in Deutschland Grund für den ersten Schnappatmungsanfall des Einzelhandels – konnte der französische Lebensmittelmarkt Carrefour seinen Umsatz durch Hauslieferungen über das chinesische Neujahrsfest um ganze 600% im Vergleich zum Vorjahr steigern.

Ein Phänomen, das schon bei SARS 2003 zu beobachten war. Alibaba, damals noch ein kleines stationäres Unternehmen, stellte sein Geschäftsmodelle in der Folge auf digitale Prozessverarbeitung um. Mittlerweile gehört es zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Alleine im Jahr 2003 stellte die Firma 4.000 neue Mitarbeiter ein und erhöhte ihren Online-Umsatz um 50%. 2003 – das war 10 Jahre vor Merkels berühmten „Das Internet ist für uns alle Neuland“.  Inzwischen ist Alibaba umsatzstärker als Amazon, eBay und Walmart zusammen. Am sogenannten Single’s Day 2019 erzielte Alibaba mehr Umsatz in 24 Stunden als Amazon im ganzen Quartal. 

Und auch abseits der kommerziellen Ecke nutzen die Chinesen die Möglichkeiten der Digitalisierung wesentlich effektiver. In unter Quarantäne stehenden Gebieten werden Schüler mit Livestreams versorgt, damit der Unterricht weitergehen kann. In Deutschland können wir noch nicht mal mit Sicherheit sagen, wie viele Schulen überhaupt eine WLAN-Verbindung haben.

Ob das Vorgehen in China in der digitalen Sphäre stets als Vorbild für westliche Betriebe zählen sollte, darf man mit Recht zumindest kritisch hinterfragen. Der chinesische Weg gleicht doch manchmal einer Digitalisierung auf Steroiden. Und doch können wir von der Innovations- und Ideenkraft der Chinesen durchaus etwas lernen.

Digitalisierungsboom auch in Deutschlands Mittelstand?

Der Wirtschaft wird die aktuelle Coronawelle auf jeden Fall stark zusetzen. So viel kann man schon sicher annehmen. Doch vieles hätte man abfedern können, wenn die Unternehmen bereits besser darauf eingestellt wären, die Neue Welt der Technik und die Neue Arbeitswelt in ihre Betriebe zu lassen. Viele Unternehmen, vor allem aus dem Mittelstand scheitern aktuell schon an der Organisation der ortsunabhängigen Arbeit. Steht das Unternehmen still, wenn eine bestätigte Infektion in der Belegschaft bekannt wird? Was geschieht mit dem Auftragsvolumen, wenn wir uns nicht mehr auf einer Messe präsentieren können? Oder unsere Standard-Vertriebskanäle nicht mehr bespielen können? Wie ersetzen wir die Gespräche auf Dienstreisen?

Viele erkennen jetzt die Möglichkeiten der digitalen Arbeit. Während der Börsenmarkt allgemein schwächelt, steigt die Aktie des Videokonferenz- und Fernwartungstools TeamViewer kontinuierlich an. Das Coronavirus scheint also die deutschen Unternehmen dazu zu verleiten, sich mit dem Thema „ortsunabhängiges Arbeiten“ auseinanderzusetzen. Doch nur rein mit der Bereitstellung eines Laptops mit einem Mailprogramm und einer Videokonferenzsoftware ist das mobile Arbeiten noch nicht ermöglicht. Dateiablagen müssen digital geschaffen, Workflows überarbeitet werden, neue Vertriebskanäle stehen zur Erkundung bereit.

Es ist also noch viel zu tun. Doch der Grundstein ist gelegt. Jetzt bleibt zu hoffen, dass aus der Liaison, die Mittelstand und Digitalisierung hier gerade eingehen, in Zukunft eine große Liebe wird. Die Technologien existieren. Kunden und Mitarbeiter sind bereit, diese zu nutzen. Jetzt sind die Strategieentscheider gefragt, den Stein zur Umsetzung einer umfassenden Digitalisierung der Unternehmen ins Rollen zu bringen! Und dadurch nicht nur vor der nächsten Pandemie gefeit zu sein, sondern auch nach der Grippewelle heute schon gerüstet zu sein für die Gesellschaft von morgen!

Bildnachweis: Image by leo2014 from Pixabay

Über die Autorin:
Saskia kann wohl zurecht als „Digital Native“ bezeichnet werden. Sie ist
Teil einer Generation, die an Weihnachten nach Hause fährt, um die Computerprobleme ihrer Eltern zu lösen. Inzwischen verwenden ihre Eltern beide erfolgreich mehrere Laptops, ein Smartphone, ein iPad und einige technische Spielereien und brauchen nur noch im Falle des totalen Systemabsturzes die Hilfe der Tochter. In ihrem Berufsumfeld hat sie schon immer intuitiv versucht, sich durch die digitale Sphäre das Leben so leicht wie möglich zu machen – und hat durch ihre Art, digitale Dinge leicht verständlich und ohne viele Buzzwords zu erklären, die Kollegen mit angesteckt. Inzwischen unterstützt sie Firmen als Trainer und Speaker, mit derselben Begeisterung an die neue Welt heranzugehen und „Digitalization as a Facilitator“ zu begreifen….
Weitere Informationen stellt sie auf ihrer Homepage www.slkc.de zur Verfügung.

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